Wulf Herzogenrath: Slavko Kacunkos Video-Leitfaden (Rezension), Kunstzeitung


Der Traum jedes Forschers: zwei Jahre Zeit und Weltreisen zu den Quellen. Und doch scheint mir das Resultat, das Slavko Kacunko nunmehr vorlegt, das Ergebnis von mindestens 20 Jahren kontinuierlicher Detailrecherche. Ich habe noch keine so knapp formulierte und zugleich komplett umfassende Arbeit gesehen wie Kacunkos Meisterstück mit dem Titel „Closed Circuit Videoinstallationen. Ein Leitfaden zur Geschichte und Theorie der Medienkunst mit Bausteinen eines Künstlerlexikons auf DVD“ (Logos Verlag Berlin, 1182 Seiten, ca. 13 000 Abbildungen auf DVD, 98 Euro).

 

Wie der am Kunstgeschichtlichen Institut der Universität Osnabrück lehrende Kunsthistoriker die Felder der „vormedialen“ Kunst und der „nachkünstlerischen“ Medien in ihren kategorialen Bestimmungen auf 70 Seiten auf den Ist-Zustand hin analysiert, das soll ihm erst einer nachmachen. Doch die größte Leistung ist die Gesamtliste aller jemals realisierten, skizzierten oder erdachten „Closed Circuit“-Videoinstallationen, das heißt derjenigen räumlichen oder skulpturalen Werke, die mit Kamera und zeitgleicher Wiedergabe entstanden, meist unter Einbeziehung des Live-Erlebnisses eines einzelnen Betrachters. Slavko Kacunko erschließt die Arbeiten von Bruce Nauman und Nam June Paik, von Peter Campus, Wolf Vostell, Les Levine, Dan Graham und Valie Export ebenso wie zum Teil erstmals vorgestellte osteuropäische, südamerikanische und asiatische Künstler bis in das Jahr 2002.

 

Da es sich hierbei oftmals um aufwendigere Video-Installationen handelt, haben selbst Spezialisten etliche dieser Arbeiten nicht gesehen. Nunmehr hat Kacunko die Voraussetzungen geschaffen, die auf einer DVD komplett dokumentierten Werke zu studieren. Versammelt sind hier Kunstwerke, die eine neue Art von Wahrnehmung verlangen, eine Wahrnehmung, die dem statischen Bild der Kunstgeschichte fehlt. Dank der Vorarbeiten von Slavko Kacunko können Kuratoren und Museumsleute ihren Besuchern jetzt sowohl die körperliche Erfahrung in einem realen Raum als auch die psychologische Dimension dieses Live-Erlebnisses ermöglichen.