Die charakteristisch verwischten, übereinandergelegten oder ausschnittartigen Bilder seiner Videoinstallationen zeugen von der Interpenetration und einem unaufhörlichen Übergang zwischen dem „Intimen“ und „Allgemeinen“ in Odenbachs Kunst. Obwohl seine Filmcollagen keineswegs als bloße Einsichten eines unbeteiligten „Chronisten“ zu verstehen sind, verbleibt die künstlerisch wohl am stärksten wirkende Kraft des encyclopédisme (R. Bellour) des Künstlers im Kontext seiner stetigen Thematisierung der darin aktiven Perspektive(n).
Das Thema des (Neo)Kolonialismus, Rassismus und der „Andersartigkeit“ bedeutete für Marcel Odenbach seit seinen künstlerischen Anfängen einen Aspekt des umfassenderen Problems der eigenen Identität und der Identität der Ereignisse überhaupt. Die entscheidenden Impulse aus Afrika und aus den eigenen „ethnologischen“ Interessen während der Zeit seines Studiums der Kunstgeschichte, Architektur und Semiotik wurden in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre zu einem kontinuierlichen Prozeß der Auseinandersetzung.
Das starke Interesse an der "Andersartigkeit" steht auch im Kontext von Odenbachs früher und intensiver Auseinandersetzung mit der eigenen Position des Außenseiters, die einem Künstler und/oder Homosexuellen in der Gesellschaft "zugesprochen wird". Die Freundschaft mit dem britischen Künstler jamaikanischer Abstammung Mike Sale eröffnete Odenbach den näheren Einblick in die Kreise, zu denen er zuvor keinen Zugang hatte, und dies war, neben den existentiellen Erfahrungen der deutschen Wiedervereinigung und ihren Folgen ein zusätzlicher, aktueller Anstoß für den stark ausgeprägten Zyklus seiner Arbeiten Anfang der neunziger Jahre. Die Gruppe der Arbeiten 1989-1992, zu der die Videoinstallation Hals über Kopf gehört ("Über die Teilung und Vereinigung II."1), setzte sich in Odenbachs „Brand-Trilogie“ (1993-1994), mit dem Mittelpunkt in den Ereignissen in Rostock 1992, fort. Die Verschiebung des Dargestellten auf eine immer globalere und „unüberschaubare“ Ebene ging weiterhin Hand in Hand mit dem nur vordergründig immer subjektiveren Blick des Künstlers.
Die Videoinstallation Hals über Kopf besteht aus zwei Videobändern, die auf zwei Monitoren abgespielt werden und aus einer dazugehörigen Brecht-Paraphrase, die an der Wand angebracht ist.2 Sie thematisiert das in den neunziger Jahren deutlicher als bisher ins Zentrum der künstlerischen Arbeit Odenbachs gerückte Problem des Verhältnisses zwischen verschiedenen "Rassen", insbesondere zwischen den Schwarzen und Weißen. Das in der Regel unreflektierte Verhältnis zu den fremden Kulturen und die Übernahme und Anpassung an die entsprechenden Klischees lassen sich anschaulich in den Beispielen des Karnevals in Kapstadt und Köln betrachten: Die Unterschiede und das "Typische" werden betont, ohne den "Übergangsphasen" eine minimale Chance zu geben; die Traditionen und die wirtschaftlichen Verhältnisse spiegeln sich in den verschiedenen Arten des Karnevalfeierns.
Die Gelegenheit, sich einmal im Jahr in die Rolle des Anderen zu versetzen, läßt beide Seiten auf ihre Art lächerlich erscheinen: Die eine Seite mit ihrer vorgetäuschten Spontaneität (Köln), und die andere Seite mit ihrer lustig-traurigen Parodie der "weißen" Steifheit, die als touristische Attraktion dargeboten wird (Kapstadt). Die Hautfarbe, als Symbol der Herkunft, dient als Hintergrund für die Geschichts- und (möglicherweise eingeprägten) Erinnerungsbilder. Odenbach läßt beide Seiten nicht verschmelzen: Die Distanz in der räumlichen Anordnung der beiden Monitore spiegelt die Realität. Das Ineinandergehen, die Interpenetration der Bilder der jeweiligen "Vertreter" mit ihrem eigenen kulturellen Umfeld (Überblendungen) zeigt den Rahmen, aus dem die Unterschiede stammen und in dem die Verschiebungen auszumachen sind. Durch die spöttisch-sarkastische Brecht-Frage wird der Adressat – die sich durch Vorurteile und Traditionen "inspirierende" Politik, angesprochen. Es handelt sich um die Paraphrase eines Zitats aus den Brechtschen "Buckower Elegien": "Die Lösung": Nach dem Aufstand des 17. Juni Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbandes In der Stalinallee Flugblätter verteilen Auf denen zu lesen war, daß das Volk Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe Und es nur durch verdoppelte Arbeit Zurückgewinnen könne. Wäre es da Nicht doch einfacher, die Regierung Löste das Volk auf und Wählte ein anderes?
Hals über kopf Videoinstallation, 1993; zwei Videobänder á 5.00 Min.; zwei Monitore; Text Produktionsformat: Betacam Produktion: Marcel Odenbach / TVT Frankfurt Ausstellungen: Galerie der Stadt Esslingen-VillaMerkel 1993; Kunstverein Braunschweig 1993; Barbara Gladstone Gallery, New York 1993; Galerie Stampa, Basel 1994; Galerie Eigen+Art, Leipzig 1994; 15. Stockholm Art Fair 1995; Chicago Art Fair 1995; Galerie Planita, Rom 1996; Filmmuseum, Frankfurt 1997; Kunstmuseum Bonn 1999
* Vgl. meine kürzlich erschienene Monographie über Marcel Odenbach. Kacunko, Slavko: Marcel Odenbach. Konzept, Performance, Video, Installation 1975 - 1998, Chorus-Verlag für Kunst und Wissenschaft Mainz-München 1999