In die Bildröhre des Fernsehers wurde ein Schleuderstern eingeschliffen.
(Dieter Kiessling)
Der skulpturale Vorgang geschieht auf der fundamentalen Ebene der "Materialuntersuchung", im Rahmen einer konsequenten Suche nach den "potentiellen" Aspekten der Dinge: Die daraus abzuleitenden dialektischen Begriffspaare - wie z.B. der "immaterielle" Charakter des durchsichtigen Materials oder die materielle Beschaffenheit des "imateriellen" Mediums - fungieren in Kiesslings "Schleuderstern" nicht zuletzt als Verweis auf das äußerst sensible Verhältnis zwischen dem "Realen" (Denotation) und "Virtuellen" (Konnotation).
Es sind insbesondere die Befürworter der verschiedenen Varianten des gegenwärtigen philosophischen "Konstruktivismus", in deren Theorieentwürfen alles Reale verabschiedet und jedoch am Adjektiv "real" (z.B. digitale, "Realzeit"-Videobearbeitung) festgehalten wird. Eine ungeheure Faszination am "Realen" wird dort durch verschiedene Formen seines Mißbrauchs bis hin zu seinem "Mord" ausgelebt, ohne daß das Verlangen nach dem gleichen "Realen" endgültig gestillt worden wäre. Kiesslings "irreversibler" Eingriff auf das Material macht deutlich, daß die Vorstellung von einem restlosen Aufgehen des "Realen" im "Imaginären" nach wie vor in die Sphäre der "Mediafiction" gehört. Die Erkenntnis, daß die Aufhebung des Abstands tödlich sei (René Char) spiegelt sich auf der materiellen Ebene in der Tatsache, daß der künstlerische Eingriff indirekt erfolgen mußte: Um den Schutz der Kathodenröhre gewährleisten zu können, wurde an diese eine (für den Betrachter nicht erkennbare) speziell angefertigte Glasschicht befestigt, so daß das Sternornament angebracht werden konnte.
Der konzeptuelle Gegensatz des Optischen und Haptischen hebt sich in ihrer Gleichzeitigkeit auf und schafft eine Bildtransparenz jenseits einer vermeintlich "ikonoklastischen" künstlerischen Vorgangsweise. Die "strukturelle Veränderung von elementaren Zuständen durch die funktionale Untersuchung des bildnerischen Materials" (Dierk Stemmler) bezieht sich auf Kiesslings Film-, Video- und Computerarbeiten oder Performances und Skulpturen gleichermaßen. In seinem "Schleuderstern" läßt der Künstler den scheinbaren "Gegensatz" zwischen der Funktion und dem ästhetischen Potential eines Gebrauchsgegenstandes auf ein transparentes, im Durchmesser von 8,7 cm. eingeschliffenes Ornament "zusammenschrumpfen": Einem 50 Hz Sony-Trinitron Color TV (Modell Nr. KV-M19D, Ser. Nr. 6058615) wird faktisch und rechtlich seine unverwechselbare Existenz verliehen - ein
Das Objekt wird virtuell zum Zeichen und das Zeichen "fräst" sich buchstäblich in das Objekt hinein, so daß die semiotische Trennung von Zeichen und Bezeichnetem weitgehend gegenstandslos bleibt.
"Oberflächlich" gesehen, kehrt Kiesslings "Schleuderstern" in gewisser Weise das Prinzip seiner Videoinstallation "Pfandsiegel" (1988) um, in der der Fernseher ein Pfandsiegel in Originalgröße abbildete, in der also das Materielle, das Immer-auf-der-Oberfläche-Haftende ins Innere des Trägers, des Mediums, eingedrungen ist.
Die Dinge ihrer verborgener oder übersehener Sinnlichkeit enthüllend, liefert uns Kiessling bis heute in einer kaum zu übertreffenden Konzentration die sichtbaren und glaubwürdigen Argumente für das Festhalten am Kunstbegriff, am eindringlichsten an der Schnittstelle, die die Einfalt der Technologie in ihrer Vielfalt entdeckt und Vielfalt der Kunst in der "Einfalt" ihrer schlichten, aber scharfen Eingriffe in ihre Medien aufbewahrt.
Strukturell ähnlich seinen berühmten Closed-Circuit Videoinstallationen nimmt Kiesslings "Schleuderstern" eine besondere Stellung zwischen dem künstlerisch-technologischen "Input" und "Output" ein, nicht jenseits, sondern diesseits der Unterscheidung zwischen dem Realen und Virtuellen, dort, wo das Gleichgewicht am schwierigsten zu halten ist.