SLAVKO KACUNKO: CLOSED CIRCUIT VIDEOINSTALLATIONEN.
Ein Leitfaden zur Geschichte und Theorie der Medienkunst mit Bausteinen eines Künstlerlexikons auf DVD.
Logos Verlag Berlin, Berlin 2004
von Andrea Domesle
Bücher in vergleichbarer Stärke sind eher aus alten Zeiten bekannt: Mit acht Zentimeter Dicke, dem Gewicht von über zwei Kilo und einem Umfang von 1182 Seiten eignet es sich dazu, den Leser im doppelten Wortsinne zu erschlagen. Doch der Leitfaden zur Geschichte und Theorie der Medienkunst mit Bausteinen eines Künstlerlexikons, den Slavko Kacunko zu Closed Circuit Videoinstallationen verfasst hat, wird für die nächsten Jahrzehnte nicht nur wegen seines Umfangs ein Standardwerk sein. Jene installative Videokunst, die in einem geschlossenen Kreislauf vor Ort aufgezeichnete Bilder wiedergibt, stellt er in unzähligen Namensnennungen vor. Zunächst klärt der Autor die mit »Medienkunst« verbundenen Begriffe. Dann widmet er sich den mit »Closed-Circuit-Videoinstallationen« verbundenen theoretischen Ansätzen:
Verhältnis von Subjekt und Objekt, Wirklichkeitskonstruktionen, Systemmodelle und Verhaltensmuster, Spielkonzepte und Lernprozesse, Datenerfassung und -kontrolle, Telekommunikation. Das dritte, umfangreichste Kapitel ist zahlreichen Kunstschaffenden gewidmet. Es ist nach historischer Abfolge und geografischer Zugehörigkeit gegliedert. Slavko Kacunko stellt drei Dekaden fest, die erste von 1966 bis 1976, die zweite von 1977 bis 1989 und die dritte von 1990 bis 2002. Betrachtet werden Amerika, Europa und der Pazifik (Japan). Die besprochenen Künstlerinnen und Künstler werden noch einmal nach einzelnen Ländern oder größeren Regionen unterteilt. Dies macht nur zum Teil Sinn. Denn Charakteristika aufgrund der Zugehörigkeit zu den einzelnen Kulturlandschaften lassen sich nur manchmal ausmachen. Beispielsweise haben Bruce Nauman, Vito Acconci, Joan Jonas, die im Kalifornien gewidmeten Unterkapitel vorgestellt werden, aus der Body Art und Performancebewegung heraus ihre ersten Videoarbeiten entwickelt. Keith Sonnier, ebenfalls aus Kalifornien, kam jedoch aus einem ganz anderen Grund zum Medium: Es war die Suche nach menschlichen Grundbedingungen und ein Interesse an Raumerweiterungen. Im Verlauf der Kapitel zeigt sich, dass diese Gliederung nach Ländern oft auch ein einengendes Konzept ist und eigentlich den verwendeten Methoden, Inhalten oder Bezügen entgegensteht. Es wird vom Autor selbst immer mehr zugunsten einer inhaltlichen Unterteilung gelockert. In der chronologischen Gliederung orientiert sich Kacunko an »vielfältigen gesellschaftspolitischen, wissenschaftlichen, technologischen, theoretischen, künstlerischen und anderen ›Umbrüchen‹« (S. 155), letztere – und das ist bei Video nahe liegend – zum Beispiel auch technischer bzw. produktions- oder distributionsbezogener Art. So kam es in den USA Mitte der siebziger Jahre zur Auflösung
Kacunko verfolgt mit seinem Buch noch eine weitere Absicht: Er plädiert für eine »Medienkunstgeschichte«, zu der er die Beschäftigung mit Videoinstallationen als Kunst mit elektronischen Medien zählt, und für ein Ende der Trennung der beiden Disziplinen Kunst- bzw. Medienwissenschaft. Er zeigt richtigerweise auf, dass innerhalb der Mediendebatte diese beiden mit wenigen Ausnahmen versagt haben und das Feld Medienphilosophen, Theaterwissenschaftlern u.a. überlassen haben. Als Gründe führt er die Technikskepsis der Kunsthistoriker und die Kunstskepsis der Medientheoretiker an. Diese Diskussion belegt wieder einmal die Probleme, die mit der Einordnung der aktuellen Kunst bestehen und die immer noch zu einem Schubladendenken in medialen Kategorien führen. Eigentlich müssten wir doch angesichts des derzeitigen, häufig intermediären Kunstschaffens längst über einen solchen Diskurs hinaus sein und von »Kunst« und »Kunstgeschichte« auch für den Bereich der »Medienkunst« sprechen.
SLAVKO KACUNKO:
CLOSED CIRCUIT VIDEOINSTALLATIONEN.
Ein Leitfaden zur Geschichte und Theorie der Medienkunst mit Bausteinen eines Künstlerlexikons auf DVD.
1182 Seiten, ca. 13.000 Abbildungen auf DVD.
Logos Verlag Berlin, Berlin 2004.
€ 98,–
ISBN 3-8325-0600-4